Reiterurlaub auf Friesenpferden
„Hoch oben im Mittelgebirge reiten wie am Nordseestrand“. Der Ebbe-Flut-Reitplatz ist allerdings nicht das einzige Außergewöhnliche, das den Besucher auf dem Friesenhof in Sorgau erwartet.
Der Reitplatz
Stellen Sie sich vor, Ihr Reitplatz wäre auf dem Dach eines siebenstöckigen Hauses. Können Sie fühlen, wie Ihr Blick einundzwanzig Meter in die Tiefe gleitet, bevor der Platzgrund in die Weiden übergeht? Keine Sorge, es ist nicht wie eine Achterbahnfahrt, die ein schummeriges Gefühl in der Magengegend verursacht. Es ist eher das wohlige Gefühl der Weite, die der Blick auf die gefälligen Hochebenen im östlichen Erzgebirge einfängt. Hier ist schon manch einer auf Gedanken gekommen, die seinem Leben einen neuen Impuls gegeben haben. Das geschieht hier von selbst, ganz unaufdringlich.
1800qm Plane werden ausgelegt
30.000t aufgeschüttet - da wirkt der Mensch klein
Noch einmal zurück zum Reitplatz, der wie Mörtel an einem Hang klebt. Als Kathrin und Roberto Herrmann vor zwei Jahren einem Bauingenieur ihre Ideen vortrugen, war seine spontane Äußerung: „Frau Herrmann, sind Sie sich darüber im Klaren, dass Sie mit diesem Reitplatz auf der Höhe der Baumwipfel reiten?“ Die Pferdewirtschaftsmeisterin, die auf dem Galoppergestüt Graditz, dem dreihundert Jahre alten sächsischen Hauptgestüt, ihre Ausbildung absolviert hatte, konnte er damit nicht erschrecken. Im Gegenteil, es begann in ihren Finger zu kribbeln, wie man das Unterfangen am besten in die Tat umsetzen könnte. Kolumbianische Gesteinsschlacke bildet den Untergrund, 30.000 Tonnen. Das sind mehr als tausend LKW-Ladungen, die sich im Frühjahr 2007 auf einer schmalen Straße mit 19% Steigung hinaufarbeiteten. Auffahren, verteilen und verdichten, so ging es einige Wochen lang, bis der eigentliche Reitplatz erst angelegt werden konnte. Ein Ebbe-Flut-Platz 55m x 35m groß, sollte es in Eigenregie werden. Das Unterfangen bescherte mindestens eine schlaflose Nacht. Als nämlich die 1800qm große Folie in die Wanne gelegt werden sollte und so 20 Helfer gleichmäßig an allen Seiten ziehen sollten, bevor die Plane sich bombenfest an den Untergrund saugte. Dieser technische Teil der Planung ist ein Steckenpferd des Hausherrn Roberto Herrmann, der hier seinen Sinn für das Perfekte in vollen Zügen ausleben konnte. Es ist auch ein perfekter Platz geworden. Zum Reiten wird das Wasserniveau, das von einer natürlichen Quelle gespeist wird, auf 5-7 cm unter Oberflächenniveau eingestellt. Damit die Reifen nicht tief einschneiden, liegt das Wasserniveau für das Fahren bei nur bei 2-3 cm. Tja, und das ewige Glattziehen des Platzes gehört auch der Vergangenheit an. Alle paar Monate wird der Platz sozusagen künstlich geflutet, also Oberkante-Unterlippe, und dadurch ebnet sich der feine Schlämmsand wieder gleichmäßig ein.
Sonnenaufgangsritt
Vier Sterne für Reiterhof mit Friesland-Feeling
Reiterhof Herrmann in Sorgau
Falls jetzt der Eindruck erweckt wurde, das Leben und Arbeiten mit den Pferden fände vorwiegend auf dem Reitplatz statt, weit gefehlt. Mit den Urlaubern 4 bis 6 Stunden ins Gelände gehen, das macht Kathrin Herrmann so richtig Spaß. Gäste sollten deshalb ausreichende Reiterfahrung mitbringen. Sechs geländesichere Friesenpferde stehen für Gäste zur Verfügung. Bei Sonnenaufgang schon „oben“ zu sein, den Reitern ein einmaliges Erlebnis auf Friesenpferden in der Natur zu bieten, dass zählt zu den Spezialitäten des Hauses. In den letzten 1½ Jahren sind die meisten Gäste auch gleich zu Stammgästen geworden. Eine kleine Gruppe ist in der kurzen Zeit schon siebenmal (!) angereist. Drei Zimmer mit 4-Sterne Auszeichnung bietet der Reiterhof. Und wer fernab der Niederlande ein wenig Friesland kennen lernen möchten, ist bei Herrmanns gut aufgehoben, denn die niederländischen Gäste geben sich hier, sozusagen, die Klinke in die Hand. Seit Anfang der 90iger Jahre hat die Familie Herrmann im südlichen Sachsen eine Friesenpferdekultur aufgebaut, in der man sich um einander kümmert und gemeinsam mit den Friesenpferden etwas unternimmt. Reiterspiele, Wanderritte, Teilnahme an historischen Umzügen und - natürlich - auch Kurse. Unter anderem kommt Alfons van Proosdij aus den Niederlanden nach Sorgau. Ein exzellenter Reiter und erfolgreicher Fahrer, der bekannt ist für seinen feinfühligen und praktischen Umgang mit Friesenpferden. Er „verkauft“ den Kursteilnehmern kein neues System oder teure Hilfsmittel, sondern möchte das Auge für die richtigen Entscheidungen schulen. Die Kurse in Sorgau brauchen keine Werbung: ein paar Telefonate und der Kurs ist ausgebucht. Etwa 25 bis 30 Friesenpferde im Umkreis von 30 Kilometern gehören zur festen Truppe. Eigentlich ist alles unspektakulär, ohne großes TamTam, aber gediegen.
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Schilder verstauben auf dem Dachboden
Die Wanderzuchtschau
Zur Hengstkörung im Januar fährt man selbstverständlich zusammen. In der Gruppe kommt manchmal noch das Gespräch auf „früher“. „Früher“ ist eigentlich gar nicht so lange her und bezeichnet den gemeinsamen Akt, im Jahr 1999 eine Friesenpferde-Zuchtschau ins Erzgebirge zu holen. Es war für die Erzgebirgler ein erfolgreicher Kraftakt mit viel Motivation. Noch heute äußern sich weit gereiste Teilnehmer mehr als lobend über die feine Anlage und die herzliche Atmosphäre. Das Integrieren einander fremder Teilnehmer ist eine Stärke von beiden Herrmanns. Gerade nach einer Zuchtschau wird dies deutlich, wenn Mitglieder lieber noch bleiben, um zusammen mit den Körmeistern gesellig zu tafeln und bis tief in die Nacht zu fachsimpeln. Mit dem Zustandekommen der Zuchtschau hatte der Vereinsvorstand wenig Arbeit. Über viele Kanäle wurde sie „geritzelt“. Fünf Jahre lang fand die Zuchtschau in Zethau statt, bevor sie über Bad Hersfeld und Alsfeld letztendlich 2007 in Moringen ihre Wanderschaft beendete.
Lianna vom Rauenstein 1. Prämie Ster
Zuchtschausiegerin Lianna 2008 in Oldenburg
Das Züchten –glücklicherweise nicht die Begeisterung- von Friesenpferden kam danach im südlichen Sachsen praktisch zum Erliegen und hat nun vielleicht wieder eine Chance aufzukeimen. Familie Herrmann brachte vor vier Wochen ihre fünfjährige Sterstute Lianna vom Rauenstein (Onne x Jakob) zum Decken in die Niederlande. Dort war man von ihren Qualitäten so überzeugt, dass Lianna gute Chancen für das Kroonprädikat hat. Kathrin und Roberto Herrmann wagten den ersten Schritt und stellten die Stute zur Prämienkörung in Oldenburg am 17.8.2008 vor. Die Körmeister gaben ihr nach kurzer Beratung eine erste Prämie und ein Handzeichen, Herrmanns sollten die Beurteilung für das Kroonprädikat noch auf die Zentrale Körung verschieben. Lianna vom Rauenstein wurde damit als einzige Stute mit einer ersten Prämie in Oldenburg auch gleich Zuchtschausiegerin. Ein großartiger Erfolg auf Deutschlands größter Friesenpferde-Zuchtschau. Zum ersten Mal konnte Familie Herrmann eine erste Prämie in Empfang nehmen.
Die 1.67m große, temperamentvolle Stute reiste zunächst wieder nach Hause, wo Kathrin Herrmann sich schon freute, sie wieder zu reiten: „Lianna ist halt ein Mercedes und kein Seat“.
Der schöne Zuchterfolg ist vielleicht eine Motivation für andere, in dieser östlichen Region wieder zu züchten. Kathrin Herrmann las in ihrer Graditzer Lehrzeit täglich den Spruch: "Blut ist der Saft, der Wunder schafft".
Am 17.06.2009 um 1:15 Uhr kam das Hengstfohlen zur Welt.
www.friesenhof-herrmann.de
Friesenhengstfohlen von Olof 315 - Muter Lianna Ster (Onne x Jakob)




